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Afghanistans Schicksal ist vorgezeichnet



Wer wissen will, wie es in Afghanistan weitergehen wird, braucht nur die Vergangenheit zu studieren. Erstaunlicherweise scheinen die Ereignisse jüngster Jahrzehnte fast vergessen; ganz so, als hätte es vor dem Beginn des Bush-Kriegs keine Probleme gegeben.

Dabei gab es ein paar Jahre lang, von 1986 bis 1992, in diesem unruhigen Land eine gewisse Stabilität: eine Regierung, ein Parlament, eine Verfassung und ein Mehrparteien-System. Im Prinzip. In Wirklichkeit regierte damals ein sowjetischer Satrap in Kabul — Mohammad Najibullah — dessen Hauptverdienst seine Rolle als ruchloser Geheimdienstchef war.

Wie auch immer: es herrschte eine durchaus un-afghanische Stabilität, ermöglicht zunächst durch sowjetische Besatzungstruppen, später - nach Abzug der Sowjets - durch militärische und wirtschaftliche Hilfe aus Moskau. Najibullah stützte sich - man mag es kaum glauben - auf kampfeswillige und loyale afghanische Truppen, die ihm manche Schlacht gegen das übliche Sortiment von Aufständischen gewannen.

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Ach, möchte man heute seufzen: hätte der Westen Najibullah und seine Sowjets nur in Ruhe gelassen, anstatt selbsternannte Mujahedeen-Kämpfer mit Waffen und Geld zu versorgen. Später schickte der pakistanische Geheimdienst ISI seine Koranstudenten, die Taliban, in den Kampf. Seit der französischen Fremdenlegion und den britisch-nepalesischen Gurkha-Soldaten war keine künstlich geschaffene Streitmacht so durchschlagend erfolgreich wie die vom ISI und der pakistanischen Regierung Benazir Bhutto gezüchteten Taliban.

Nach tapferer Gegenwehr wurde Najibullahs Regierung 1992 besiegt von den Mujahedeen Burhanuddin Rabbanis, die sich vier Jahre an der Macht hielten, bis sie wiederum verjagt wurden von den Taliban, die 1996 Kabul einnahmen. Da Pakistan sich weigerte, Najibullah Asyl zu gewähren, folterten und kastrierten ihn die Taliban, bevor sie ihn an einem Laternenmast aufhängten.

Ein düsteres Menetekel für Hamid Karzai, Abdullah Abdullah und andere Amtsträger der Regierung in Kabul.

Zurückblickend hätte sich der Westen den jetzigen Afghanistan-Krieg sparen können, hätte man Najibullah toleriert, anstatt seine Feinde anzustacheln und aufzurüsten. Ein kommunistisches Afghanistan hätte niemand geärgert und wäre im Zuge der Gorbatschow-Reformen in die Unabhängigkeit von Moskau entlassen worden. Osama bin Laden hätte sich nicht als antikommunistischer Freiheitskämpfer und islamischer Held profilieren können. Mutmasslich hätte es weder Al Qaeda, noch den 11. September gegeben, und die Taliban wären heute ein pakistanisches, kein afghanisches Problem.

Nun gut, es kam wie es nicht kommen musste.

Der Westen hat die Verantwortung für ein nach westlichen Masstäben unregierbares Land übernommen, in dem Aufständische dafür sorgen, dass es auch unentwickelbar bleibt. Die Strategie des NATO-Oberbefehlshabers General McChrystal empfiehlt eine starke militärische Präsenz des Westens, so lange, bis ein grosses und zuverlässiges afghanisches Militär aufgebaut ist, das die Sicherheit im Lande garantieren kann.

Najibullah konnte sich seinerzeit auf eine gut ausgerüstete Armee und die von den Sowjets ausgebildeten Elite-Sicherheitskräfte stützen. Er verfügte über eine relativ erfolgreiche Luftwaffe. Es half ihm nicht. Ein versuchter Staatsstreich und ein mitsamt seinen Truppen desertierender General führten zu Najibullahs Sturz.

Heute ist Afghanistan von der Existenz einer verlässlichen, regierungstreuen Streitmacht weiter entfernt, als es unter Najibullah war. Selbst wenn es gelänge, mit viel Geld und viel Geduld ein neues Militär aufzubauen, könnte niemand garantieren, dass nicht ganze Einheiten mit ihren Waffen zu den jeweiligen Aufständischen überlaufen. Rivalitäten, Verrat und Korruption sind in Afghanistan endemisch.

Da es offenbar unmöglich ist, die Taliban zu besiegen, denken Regierungschef Hamid Karzai und neuerdings sogar Präsident Obama laut darüber nach, ob man nicht die "weniger radikalen" Taliban an der Regierung beteiligen könnte.

Auch dies ist nur ein trauriges Replay. In seiner Not hatte schon Najibullah 1987 den Aufständischen zwanzig Sitze im Parlament, zwölf Ministerien und möglicherweise das Amt des Premierministers angeboten. Afghanistan sollte eine islamische Republik werden. Es half alles nichts. Sogar die gemässigten Kräfte unter den Mujahedeen lehnten ab.

Heute können die Taliban über ein derartiges Angebot nur lachen. In der Erwartung des sicheren Sieges suchen vielleicht schon einen gut sichtbaren Laternenmast, an dem sie den Regierungschef aufhängen würden, falls ihm der Westen nicht die rechtzeitige Flucht ins Asyl ermöglicht.

Im afghanischen Spiel stechen also weder die militärische noch die politische Karte. Bleibt nur eine Karte: die Geduld. So lange der Westen starke Militärpräsenz zeigt, können die Taliban zwar nicht gewinnen. Aber sie können wie jetzt weite Teile des Landes beherrschen und dort ihren inoffiziellen Parallelstaat einrichten.

Ursprünglich waren die Taliban auf den grossen Pushtu-Stamm beschränkt, der beiderseits der Grenze in Afghanistan und Pakistan siedelt. Das gab der Regierung Bhutto die Möglichkeit, die Widerständler zu beherrschen und als Proxy-Streitmacht Pakistans einzusetzen. Seither hat die westliche Militärpräsenz soviel Abneigung und Hass in Afghanistan gesät, dass sich auch andere Stammesgebiete den Taliban geöffnet haben. Von der einst so starken Nördlichen Allianz Rabbanis ist nichts mehr zu hören; in den Gebieten der Tajiken und Uzbeken zeigen sich immer offener die Taliban. Es besteht die Gefahr, dass aus der Revolte des stärksten Stammes eine echte nationale Widerstandsbewegung wird, mit der überall im Lande zu rechnen wäre.

Viel wird über die Gründe der wachsenden Stärke der Taliban nachgedacht. Doch Frömmigkeit, Xenophobie und reichliche Geldmittel sind nicht die einzigen Ursachen dieser Stärke. Wichtig ist auch die demographische Komponente.

Laut Statistik der Vereinten Nationen rangiert Afghanistan bei der Wachstumsrate der Bevölkerung mit 3,85 Prozent pro Jahr auf Platz 3 der Weltrangliste, nach Liberia und Burundi. Das Factbook der CIA gibt die Rate sehr viel niedriger mit 2,63 Prozent an. Wie auch immer: Afghanistan entlässt bei einer Bevölkerung von 28 Millionen jährlich mindestens eine halbe Million junge Männer ins Erwerbsleben. Wo nicht Mohnanbau, Drogenhandel, Schmuggel oder städtische Berufe locken, sind die Aussichten für diese Jünglinge düster. Analphabetentum und Arbeitslosigkeit grassieren.

Was liegt näher, als statt beruflichem Erfolg den Ruhm des frommen Kriegers zu suchen? Die Präsenz der Ausländer und ihre militärischen Aktivitäten geben ein ideales Feindbild ab, das man mit religiösem und nationalistischem Eifer bekämpfen muss.

Um die Realität der ländlichen Gebiete Afghanistans zu verstehen, sollte man sich an Europas frühere Jahrhunderte erinnern, als religiöse Eiferer Aufstände und Kriege vom Zaun brachen, als Söldnerheere mal für diese Seite kämpften, mal für jene, als Feldherren und Fürsten ihre Loyalität verkauften. Soldat zu sein, war ein Beruf, der nicht nur Sold brachte, sondern auch Beute und Ruhm, oft verbunden mit einer religiösen Prämie, die im Jenseits winkte.

Das ist die Folie, vor der man das ländliche Afghanistan sehen muss. Jahrhunderte lang zogen die Afghanen alle zehn oder zwanzig Jahre hinab nach Indien (Pakistan gab es damals noch nicht) raubten, was sie tragen konnten und zerstörten den Rest, bevor sie wieder in ihre Berge zurückkehrten. Immer bauten die Inder ihre Tempel auf, sammelten neue Schätze und ertrugen die Einfälle der Afghanen stoisch.

Keine Frage, die Afghanen - zumal die Pushtunen - sind ein kriegerisches Volk. Die Jungen erkennen nun eine grosse Gelegenheit, den Vätern und Grossvätern - die die Sowjets vertrieben haben — nachzueifern und ruhmvoll zu kämpfen in der Gewissheit, den Krieg aller Kriege gegen eine Welt von Feinden zu gewinnen.

Zu fabelhaften neuen Waffen erhalten sie Zugang; Mörser, Raketen, Nachtsichtgeräte: herrliches Spielzeug für ein Volk von Waffennarren. Am Khyberpass gibt es ein Dorf, in dem hochspezialisierte Waffenschmiede wohnen, die binnen einer Nacht in kombinierter Schnellarbeit jede beliebige Schusswaffe so kopieren können, dass es schwerfällt, am nächsten Morgen Kopie und Original zu unterscheiden.

Waffen, die der Anführer dem jungen Talib nicht geben kann, liefert vielleicht der Feind unabsichtlich oder ein Deserteur absichtlich. In jedem Fall ist Kriegsdienst für einen jungen Afghanen eine interessante, ehrenvolle und mitunter auch einträgliche Beschäftigung.

Was aber geschieht mit jenen Jünglingen, die keine Lust haben, für den Aufstand zu kämpfen? Wo die Taliban herrschen, müssen sie damit rechnen, zwangsrekrutiert oder getötet zu werden. Vor der Aushebung hilft nur die Flucht. Hunderttausende junger afghanischer Männer sind derzeit auf der Flucht, im Lande oder ins Ausland: nach Iran, Pakistan und weiter nach Europa und Australien.

Dennoch: wenn nur jeder Zehnte eines Jahrgangs zu den Taliban stösst, können die Aufständischen ihre Mannschaftsstärke erheblich steigern. Noch ist das Rekrutierungspotential vermutlich nur zu einem Teil genutzt. Es besteht aber die Gefahr, oder besser die Wahrscheinlichkeit, dass die von General McChrystal gewünschte Aufstockung der internationalen Truppen zu einer spiegelbildlichen Aufstockung der Taliban führen würde.

Vor allem in dem von Pushtunen bewohnten Süden wird der Aufstand weitgehend von lokalen Milizen getragen, die auf eigene Faust operieren, aber von den Taliban Waffen und Geld erhalten. Für die grossteils analphabetische Landbevölkerung sind Ausländer und Angehörige anderer Stämme hassenswerte Eindringlinge, die es zu vertreiben gilt, vor allem, falls sie keine rechtgläubigen Muslims sind. Je häufiger sich die Präsenz der Ausländer und der Zentralregierung in den ländlichen Gebieten zeigt, desto stärker wird der Zulauf zu den lokalen Milizen. Daher empfehlen US-Vizepräsident Biden und seine Berater, die Truppenpräsenz eher zu vermindern statt zu verstärken.

Aus dem militärischen Patt eine pessimistische Prognose für Afghanistan abzuleiten wäre jedoch verfrüht. Rivalitäten, Verrat und Korruption plagen nicht nur die Regierungsseite. Möglicherweise auch die Aufständischen. Allerdings werden die Taliban reichlich finanziert durch den Zakat, die frommen Spenden der Muslims vornehmlich in arabischen Ländern, bei deren Sammlung Al Qaeda den Taliban als Vorbild dient. Die Besteuerung der Opiumwirtschaft und anderer Agrarprodukte, des lokalen Handels und Unternehmertums in den Gebieten unter ihrer Kontrolle, dazu Einkünfte aus Kidnapping und Schutzerpressung bringen so viel Geld, dass es für den Westen oder die Zentralregierung schwierig sein dürfte, einzelne Talibanführer zu bestechen anstatt sie zu bekämpfen.

Während der Krieg den Westen kräftemässig und finanziell erheblich belastet, ist er für die Taliban billig zu führen. Ausbildung und Ausrüstung der Kämpfer kosten wenig, und einen guten Teil der Waffen und Lebensmittel holt man sich in klassischer Guerilla-Manier beim Feind und bei der Lokalbevölkerung. Nach übereinstimmender Meinung der meisten Beobachter können die Taliban diesen Aufstand ad infinitum durchhalten.

Trotz dieser angenehmen Situation kann nicht ausgeschlossen werden, dass bei den Aufständischen religiöse Meinungsverschiedenheiten und Rivalitäten auftreten ähnlich jenen, die beispielsweise die Palästinenser gespalten haben.

Falls der Westen glaubhaft zeigt, dass er notfalls noch Jahrzehnte lang präsent bleiben will und falls es gelingt, eine einigermassen vertrauenswürdige Regierung in Kabul zu etablieren, wird die jetzige Siegeseuphorie der Taliban schwinden und werden sich Risse in der Einheitsfront zeigen. Von entscheidender Bedeutung ist, ob Pakistan den Mut und die Kraft haben wird, in den Stammesgebieten Waziristans und Baluchistans aufzuräumen.

Die entscheidende Frage lautet also: hat der Westen die Nerven, durchzuhalten und einen asymmetrischen Dauerkrieg in einem weitgehend noch mittelalterlichen Land so lange zu führen bis die Taliban und mit ihnen Al Qaeda den normalen Weg aller afghanischen Ordnungsmächte zu Ende gegangen sind?

Oder will man eines Tages hören, wie Mullah Omar in der Vollversammlung der Vereinten Nationen fordert, dass alle Frauen den Plenarsaal verlassen bevor er als Präsident der Islamischen Republik Afghanistan das Wort ergreift?

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—— Benedikt Brenner